
Ein Wiener in Berlin: Karl Jurka 53, Jurist und Experte für Verfassungs- und Europarecht, war zehn Jahre lang Bundesorganisationsreferent der ÖVP und gründete vor acht Jahren in Deutschland ein Politik- und Marketingberatungsunternehmen mit Schwerpunkt EU Lobbying.
Harmlos
Österreicher zu sein war anfangs in Bonn, dem früheren Regierungssitz, ein Riesenvorteil, weil uns niemand ernst genommen hat. Deutsche haben Hemmungen, einem Franzosen, Engländer oder Amerikaner alles offen zu legen. Aber ein Österreicher wird weniger als Gefahr gesehen. Mein Durchbruch kam bei den EU Beitrittsverhandlungen, als immer mehr Dossiers in Brüssel hängen geblieben waren: Transit, Tabak, Ausländergrunderwerb. Mir half auch der Wille der Deutschen, Österreich in die EU zu bringen. Im Sanktionsjahr 2000, wo man mit Österreich nicht mehr reden wollte, war ich als Österreicher doppelt erschüttert: über die Regierungsbildung in Österreich (ich trat deswegen aus der ÖVP aus) und über die Sanktionen. Ich war „Kriegsgewinnler“ wider Willen. Viele Kontakte sind über mich gelaufen. Das habe ich aber nicht kommerziell ausgenützt. Das Österreich-Bild hat sich in Deutschland geändert. Wir sind nicht mehr die Belächelten, jetzt hat man Respekt vor uns. Schüssels Reformen waren gut, er wird ernst genommen. Vor ihm hat die Meinung Österreichs zu zentralen EU Dossiers niemanden interessiert, jetzt sehr wohl. Von der ersten EU Ratspräsidentschaft Österreich 1998 ist nur eines in Erinnerung geblieben: dass das Hotel in Pörtschach keine Kreditkarten akzeptiert hat. So was hat es vorher und nachher nie gegeben.
Schizophrenie
Die Österreicher haben bei vielen Themen, etwa Transit oder Temelin, nicht verstanden, wie die EU funktioniert. Speziell das EU-Verständnis bei den Medien ist irrwitzig. Einerseits neigt man in Wien zur totalen Selbstüberschätzung im Umgang mit Europa, dann wieder zur Selbstunterschätzung. Die Wiener Seele ist ständig im Schwanken. Einerseits empfinden die Wiener Verachtung gegenüber den Deutschen, andererseits drückt sie ein permanenter Minderwertigkeitskomplex. Diese Schizophrenie lässt mich gern Wiener sein, aber auch verzweifeln. Wien ist aber keine Stadt für den Lobbyisten, weil sie so überschaubar ist.
Was mir an Berlin fehlt: Die Stadt ist doppelt so groß wie Wien und hat nicht einmal halb so viele Theater. Es fällt auch sofort auf, dass in Wiener Restaurants der Service besser ist. Aber vielleicht sind wird da selber schuld. Als ich mich in einem Restaurant in Potsdam beschweren wollte, sagte der Manager zu mir: „Gerade Sie haben sich hier nicht zu beschweren! Alle guten Kellner aus dem Raum Potsdam arbeiten in Österreich. Ich kriege hier nur, was dort nicht genommen wird.“