
Kaum eine Branche konnte in den letzten zehn Jahren ähnliche Wachstumsraten verbuchen wie die Public Affairs.
Zu Bonner Zeiten versuchten cirka 5.000 Lobbyisten Einfluss auszuüben, inzwischen buhlen 15.000 bis 20.000 Interessenvertreter um die Gunst der Entscheidungsträger – Tendenz steigend. Ob Lobbyist, PR-Berater oder politischer Kommunikator: Dax-Konzerne, Public-Affairs-Agenturen, Verbände und NGOs konkurrieren um die besten Köpfe auf dem Markt. Die Konkurrenz um erfahrene Berater ist gewaltig. Besonders qualifizierte Senior Consultants sind äußerst begehrt. „Es sind kaum noch erfahrene Berater auf dem Markt zu finden, daher setzen gute Agenturen auf junge Absolventen und bilden diese selber aus“, sagt Heiko Kretschmer, Geschäftsführer von Johannsen+Kretschmer. Kann die eigene Personalabteilung eine Position nicht besetzten, engagieren Unternehmen, Verbände und Agenturen Headhunter, um den Markt zu sichten und notfalls Topkräfte abzuwerben. Besonders kleine Unternehmen sind auf die Arbeit der Personalberater angewiesen, da sie sich keine eigenen Personalabteilungen leisten können. Aber auch große Unternehmen nutzen die Dienstleistungen – die endgültige Personalentscheidung bleibt Chefsache: „Headhunter trennen die Spreu vom Weizen, den Rest machen wir selbst“, sagt Karl Jurka, Geschäftsführer von Dr. Karl Jurka Politik- und Marketingberatung. Er führt im Jahr rund fünfzig Gespräche, um zwei bis drei geeignete Mitarbeiter zu gewinnen.
Die Qual der Wahl
Berufseinsteiger sollten sich vor allem klar darüber sein, in welchem Bereich der Public Affairs sie agieren wollen: Public Relations, politische Kommunikation oder Lobbying. Im Bereich Public Relations werden vor allem Kampagnen- und Marketingfähigkeiten erwartet, während in der politischen Kommunikation extrovertierte Personen mit rhetorischen und didaktischen Fähigkeiten gesucht werden, die komplexes Fachwissen gemeinverständlich erklären können. Lobbyisten hingegen sind auf hervorragende Netzwerke und eine ruhige, sachliche Arbeitsweise angewiesen. Wer selbst das Rampenlicht sucht, ist im Lobbybereich falsch aufgehoben. „Wir suchen keine Schauspieler, sondern Regisseure“, sagt Karl Jurka. Die Anforderungen von Wirtschaft, Verbänden, Agenturen und NGOs schwanken enorm. Gemein ist allen, dass sie ein abgeschlossenes Hochschulstudium und fließendes Englisch von den Bewerbern erwarten, alle anderen Voraussetzungen variieren. Verbände suchen nach Experten in ihrem Arbeitsbereich und legen Wert auf hervorragende akademische Leistungen – Doktoranten werden bevorzugt behandelt. Fremdsprachenkenntnisse und Auslandserfahrung hingegen werten sie als sekundär, solange der Verband auf nationaler Ebene agiert. Für die Arbeit in Brüssel sind mindestens zwei fließend gesprochene Fremdsprachen Pflicht. Das Arbeitsfeld in Verbänden ist geprägt durch den hohen Stellenwert der internen Verbandskommunikation – ein Drittel der Arbeitszeit wird dem Informations- und Servicebedürfnis der Mitglieder gewidmet. Spitzenpositionen besetzen Verbände gerne aus der Politik, werben aber auch Spezialisten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Konkurrenzverbänden ab.
Von Spezialisten und Generalisten
Im Gegensatz zu Verbänden suchen Agenturen nach „Generalisten, die komplexe Themen schnell erarbeiten und verständlich kommunizieren können“, sagt Florian Busch-Janser, Geschäftsführer von Busch-Janser Personalmanagement. Politik-, Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaftler
sowie Juristen dominieren den Markt, aber auch Naturwissenschaftler und Ingenieure werden wegen ihrer logischen Fähigkeiten und dem speziellen Fachwissen gerne gesehen.
Unterscheiden lässt sich innerhalb der Agenturlandschaft zwischen nationaler und internationaler Ausrichtung. International tätige Agenturen erwarten Auslandserfahrung und hervorragende Kenntnisse in mindestens zwei Fremdsprachen.
In national agierenden Agenturen wird hingegen nur sicheres Englisch verlangt.
Interessanterweise spielt laut Lars Cords, Leiter des Berliner Büros von fischerAppelt, die Vernetzung von Berufseinsteigern eine geringe Rolle: „Berufserfahrung und Kontakte können während der Ausbildung aufgebaut werden.“ Für eine Einstellung ist viel mehr das Gesamtbild des Bewerbers ausschlaggebend: „Entscheidend ist für mich der rote Faden im Lebenslauf sowie die praktischen Erfahrungen während des Studiums“, sagt Pleon-Geschäftsführer Cornelius Winter.
Geld versus Gewissen
Wer einen Wechsel in die Wirtschaft plant, sollte die Anforderungen der jeweiligen Branche kennen. Besonders sensibel geben sich Unternehmen bei der Besetzung von leitenden Lobbypositionen. Politische Erfahrung, hervorragende Netzwerke und belastbare Kenntnisse über das Unternehmen sowie eine hohe Identifikation mit dem Arbeitgeber sind Vorraussetzung. Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Suche nach geeignetem Personal: „Entweder werden Vertreter aus Politik und politischem Umfeld, manchmal auch Journalisten eingekauft, oder die Stellen werden intern besetzt. Ich kenne aber kein DAX-Unternehmen, das Toppositionen mit Agenturleuten besetzt“, sagt Jörg Waldeck, Leiter der Berliner Repräsentanz von BMW. Politiker bieten den Vorteil, dass sie häufig auf hervorragende Netzwerke zurückgreifen können und politische Prozesse perfekt kennen. Fehlendes Wissen über Struktur und Kultur des Unternehmens kann aber zu Anpassungsschwierigkeiten führen. Interne bringen zwar die nötige Identifikation und firmenspezifisches Wissen mit, haben aber selten ausreichend politische Erfahrung und müssen sich Netzwerke erst erarbeiten. Die Besetzung von Spitzenjobs erweist sich dementsprechend als kompliziert. Im Gegensatz zu Führungspositionen werden Einstiegspositionen in großen Unternehmen häufig mit Externen besetzt. Der Weg in die Public Affairs führt dabei meist durch verschiedene Konzernbereiche wie Presseabteilung, Unternehmensplanung und Unternehmensstrategie. Gerne gesehen sind Agenturleute mit drei bis vier Jahren Berufserfahrung – allerdings nicht für die Führungsebene. Ähnliche Anforderungen wie die Wirtschaft stellen NGOs: Gute Kenntnisse der Organisation, Kommunikationsfähigkeit und ein sicheres Gespür für politische Themen. Der Einstieg erfolgt meist über langjährige, ehrenamtliche Mitarbeit; NGOs bieten weder eindeutige Karrierewege, noch weitreichende Aufstiegschancen.
Dennoch haben gemeinnützige Organisationen selten Probleme, Personal zu finden. „Leute wechseln eher zu uns, als unsere Organisation wieder zu verlassen. Sie kommen auch aus Banken, Wirtschaft und Politik“, sagt Stefan Krug, Leiter der politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin. Der Grund für den freiwilligen, finanziellen Verzicht liegt wohl im Engagement für den guten Zweck. Public Affairs sind eben mehr als ein Job – eine Herzensangelegenheit.
Nachwuchs gesucht
Die guten Karriereaussichten führen dazu, dass Verbände, Unternehmen und Agenturen sich nicht über einen Mangel an Bewerbungen beklagen können. Allerdings ist die Konkurrenz um die besten Bewerber enorm. Besonders der öffentliche Dienst lockt Berufseinsteiger mit attraktiven Arbeitsbedingungen, hohen Einstiegsgehältern und prestigeträchtigen Jobs; vor allem das Auswärtige Amt gilt als beliebter Arbeitgeber. Verbände versuchen mit inhaltlich anspruchsvollen Berufsbildern, die Wirtschaft mit hohen Gehältern bei Bewerbern zu punkten.
Schwieriger gestaltet sich die Suche für Agenturen. „Berufseinsteiger müssen sich in den ersten Jahren auf schlechte Bezahlung und hohe Anforderungen, wie eine 50 bis 60 Stundenwoche einstellen“, sagt Headhunter Florian Busch-Janser. Wer die harten Lehrjahre übersteht, kann sich aber nach sechs bis acht Jahren über einen ordentlichen Karriereschub freuen: Mit der Beförderung vom Berater zum Senior Consultant verdoppelt sich das Gehalt auf jährlich 80.000 bis 120.000 Euro. Karl Jurka beschreibt die Karriereaussichten so: „Bis 40 sollte man Senior Partner, Geschäftsführer oder eigenständiger Leiter einer Niederlassung sein, sonst hat man etwas falsch gemacht!“